Anna Amalia und Goethe

Akademie zu Weimar

Ehrengabe 2012

Prof. Dr. Dr. Jochanan Trilse-Finkelstein ist 2012 Träger der Ehrengabe des Anna Amalia und Goethe Freundeskreises e.V.

 

Prof. Dr. Dr. Jochanan Trilse-Finkelstein ist 2012 Träger der Ehrengabe des Anna Amalia und Goethe Freundeskreises e.V.

(Weimar) Jochanan Trilse-Finkelstein, Jahrgang 1932, am 10. Oktober 2012 nun 80 Jahre alt geworden. Was für 80 Jahre! Soviel Leben wie für 160. Er war noch nicht ein Jahr alt, da musste die jüdische Familie vor den Nationalsozialisten ins Exil fliehen. Über Wien, Prag, der Slowakei, Ungarn, Italien bis nach Shanghai und zurück nach Europa, als Kindersoldat in der Jugoslawischen Volksbefreiungsarmee, wo Vater und Mutter als Mediziner in Offiziersrang eingetreten waren.

Eckart Spoo schreibt in der Zeitschrift Ossietzky für Politik, Kultur und Wirtschaft (20/2012, S. 789): „… Unvergeßlich, wie fremde und doch sogleich vertraute Menschen den Jungen mal hier, mal dort unterbrachten, um ihn zu schützen; unvergeßlich die Angst vor kroatischen Faschisten (»Sie machten die Drecksarbeit für die SS«); unvergesslich das Bild einer Schule voller Kinderleichen – offenbar waren die Schüler mit einem Maschinengewehr hingemetzelt worden; unvergesslich der Mut, der Einfallsreichtum, der Zusammenhalt der Kämpferinnen und Kämpfer in der starken, immer mehr erstarkenden, zuletzt 500.000 Soldaten zählenden Untergrundarmee, die von sowjetischen Fliegern mit Waffen und Munition ausgerüstet wurde, während US-amerikanische Flieger Medikamente und Lebensmittel abwarfen. Unvergeßlich die Siegesfeiern in Ljubljana und dann in Belgrad. …“

1946 erfolgt die Rückkehr nach Wien, obwohl die gesamte Verwandtschaft in Auschwitz, Theresienstadt und anderen NS-Lagern ermordet worden war und dem Vater mehrere Angebote vorlagen, als Chefarzt in jugoslawischen Krankenhäuser zu wirken, darunter in Belgrad und Zagreb.

Abitur im berühmten Theresianum in Wien, anno 1951. Eine Ausbildung als Schauspieler am Max-Reinhardt-Seminar konnte er mit gutem Examen abschließen, er musste indes wegen eines Kehlkopfleidens die Schauspiellaufbahn aufgeben. Jochanan wurde Försterlehrling! Geselle, verdiente sich damit das nötige Geld für ein atemberaubendes Studium ganz im Sinne des humboldtsches Bildungsideals: Er wurde zum Philosophen, Literatur- und Theaterwissenschaftler in Wien, Frankfurt, Leipzig, Jena, Rostock, Dresden und Greifswald ausgebildet. Bedeutende Hochschullehrer formten ihn dabei, darunter  Ernst Fischer, Theodor W. Adorno, Ernst Bloch, Hans Mayer und Walter Markov. Zwei Promotionen und eine Habilitation waren der Ertrag, im Bereich der Ästhetik von der Antike bis zur Gegenwart sowie des zeitgenössischen Theaters unter besonderer Berücksichtigung von Bert Brecht, Peter Hacks und Heiner Müller.

Es folgten Tätigkeiten als Dozent, Dramaturg. Entscheidend für uns: er arbeitete von Ende der 1950er Jahren bis 1966 an den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätte für klassische Literatur in Weimar, der Vorgängername für die heutige Klassik Stiftung Weimar. Als Philologe und Historiker war es Prof. Trilse-Finkelstein, der das Prestigeprojekt  der Heine-Säkular-Ausgabe maßgeblich aufbaute und einrichtete, indem er in der ganzen Welt einschließlich Israel Manuskripte besorgte und die Heine-Biographie schrieb, inzwischen auch in Israel erschienen. Es endete jedoch nicht gut in Weimar: Prof. Jochanan-Trilse-Finkelstein wurde aus Weimar durch den damaligen Direktor Helmut Holtzhauer regelrecht vertrieben. Es bleibt den Biographikern vorbehalten, die konkreten Gründe zu benennen, dass aber die jüdische Identität, der österreichische Pass, die ungeheure, exzellente Bildung und Kenntnis der Welt bei biederen, systemkonformen Kulturbeamten eine entscheidende Rolle gespielt haben dürfte, liegt auf der Hand. Es folgte von 1966 bis 1971 im Henschel-Verlag Berlin eine fruchtbare Zeit als leitender Lektor für Darstellende Kunst mit Dutzenden von Publikationen. 1972/73 die Redaktion im Aufbau-Verlag von den „Weimarer Beiträge“. Danach etablierte sich Prof. Trilse-Finkelstein als Schriftsteller, Herausgeber und Publizist und setzte seine weltumspannende Reisetätigkeit fort, inzwischen als Staatenloser.

Prof. Trilse-Finkelstein war seit 1973 Mitglied im Schriftstellerverband der DDR (Vorsitzende Anna Seghers, Hermann Kant), seit 1986 im Verband der Autoren Österreichs (Vorsitz: Ernst Jandl), seit 1990 Mitglied des Verbandes Deutscher Schriftsteller der BRD; 1995 wurde er Mitglied der New York Academy of Sciences.

Er gehörte ab 1985 zu den Aktivisten der Gruppe „Wir für Uns“, die sich mit biblischer und weiterer jüdischer Geschichte, mit Kultur, Religion und auch der Kaschruth (jüdische Reinheitslehre) befasste. Er wurde 1990 Mitbegründer des „Jüdischen Kulturvereins“, wo er von 1992 bis 2003 elf Jahre Vorstandsmitglied war, wobei er sich für ein freies und bewusst gelebtes säkulares Judentum einsetzt.

Prof. Trilse-Finkelstein hat 27 Bücher veröffentlicht, darunter:

Lexikon Theater International, Berlin 1995 (5000 S., Manuskript, Hauptautor und Herausgeber); Taschenbuchausgabe 2001 und 2003; 40.000 Stück

Das Werk des Peter Hacks, Berlin 1982 (4 Aufl. bis 1982);

Gelebter Widerspruch – Heinrich Heine, Berlin 1997/1998, 2001 (Aufbau-Verlag)

Daneben Beiträge etwa zur Judaik sowie Theaterkritiken seit über 50 Jahren.

Prof. Trilse-Finkelstein stieß im Jahre 2008 zu unserer Akademie und zum Freundeskreis. Er wurde sofort zu einer tragenden Säule. Er bestätigte in seinem Festvortrag

„Goethe und Anna Amalia: Ein neues klassisches Liebespaar der Literatur und die absurd-humane Rolle der ‚Frau von Stein‘“ als Zeitzeuge die neue Sicht auf die Protagonisten der Weimarer Klassik: Goethe sei im Geheimen mit der Herzogin Anna Amalia liiert, ihre Hofdame Charlotte von Stein hingegen als Geliebte nur vorgeschoben gewesen. Er berichtete, wie die DDR-Kulturverwaltung in den 1960er Jahren die weitere Erforschung von Anna Amalias und Goethes verbotener Liebesbeziehung verhinderte, Beweise verschwinden ließ und renommierte Forscher mundtot machte. Auch verschiedene Weimarer Zirkel, in denen Nachfahren von Hofleuten der Goethezeit verkehrten, wären von einer verbotenen Liebe zwischen Goethe und der Fürstin Anna Amalia ausgegangen. Versuche, Anna Amalias und Goethes Biographie zu revidieren, seien am Widerstand der damaligen Leitung der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur zu Weimar und der Goethe-Gesellschaft gescheitert.
Zum 2. Anna Amalia und Goethe Symposium 2009 übernahm Prof. Trilse-Finkelstein die Tagungsleitung und steuerte den zauberhaften, philosophisch-literarischen Essay „Anna Amalias Gestaltwerdung im Wort Goethes und beider Weltentwurf – Das Weimarer Reform-Modell“ bei; er war der Mitherausgeber des 2. Anna Amalia und Goethe Tagungsbandes von 2010 „Goethes erstes Weimarer Jahrzehnt“.

Unsere Akademie ist eine freie Forschungseinrichtung, die nicht nur interdisziplinär Leben und Werk von Johann Wolfgang von Goethe und Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar und Eisenach erforscht, sondern in Zusammenarbeit mit anderen Bildungseinrichtungen internationale Tagungen zu Fragen, Problemen und Phänomenen aus dem Bereich von Kunst, Wissenschaft sowie Zeit- und Gegenwartsgeschichte organisiert. Beim Tagungsprojekt: „Fremd unter den Menschen: Die Dichterin Gertrud Kolmar“ von 2010 war es Prof. Trilse-Finkelstein, der den Impulsvortrag hielt, das Rückgrat der ganzen Tagung mit über 60 Mitwirkenden aus zwölf Nationen. Er ist Mitherausgeber des Gertrud Kolmar-Tagungsbandes, welcher zur Leipziger Buchmesse 2013 erscheinen wird.

Es ist uns eine ausgesprochene Ehre Herrn Prof. Jochanan Trilse-Finkelstein für seine hervorragenden Studien zur Goethe-Zeit mit der Ehrengabe des Freundeskreises auszeichnen zu dürfen.

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